Das vergessene Dorf

Gelegentlich kam es auf meinen Reisen vor, dass ich Abseits der großen Wege in ein kleines Dorf kam, in dem ich mich in der Zeit zurückgesetzt sah. Fern der Transitrouten und Fabriken, den großen Einkaufsstraßen und Wohnzentren, erging sich eine Straße, ungeteert im Trott des letzten Jahrhunderts, im verblichenen Schein alter Philosophen und in stiller Wehmut, dem Stillstand.

Und dann suchte ich in einem solchen Dorfe die Weinstube auf und versuchte mich ganz ungezwungen, unter all’ diesen Dorfbewohnern, zu bewegen, mich dem Takt ihrer Zeit anzupassen und meine Neugierde zu zügeln, die mich zu sehr an einen Touristen auf der Durchreise erinnern ließ. 

Gelegentlich nahm dann einer dieser Bewohner ein Gespräch mit mir auf, vorsichtig, über den Rand eines Weinglases hinweg, ganz zwanglos ein Gespräch über das Wetter, den letzten Fang oder den kalten Winter. Und erst wenn dieser Bewohner sicher war, dass man ein gutes zwangloses Gespräch mit mir führen konnte, entwischte Ihm auch immer eine kleine Geschichte. Eine Geschichte, die im Dorf entstand und von einen Menschen oder einem alten Gemäuer erzählte und manchmal seltsam oder unheimlich, und dann aber so alltäglich, dass es doch schien, als sei das Dorf aus diesen Geschichten entstanden und so gar nicht wirklich.

Und so schien es auch in diesem Dorfe zu sein – unvermittelt begann mein Gegenüber eine Geschichte zu erzählen.

Früher lag dieses kleine Dorf am Ufer eines mächtigen Flusses, dessen Lauf immer wieder einmal anschwoll und wieder zu einem kleinen Rinnsal wurde. Selbst für die Fischer auf diesen Fluss, die ihn doch von Kindesbeinen an kannten, war er ein unwirkliches Leben, ein eigenes Etwas, dass doch immer nach seiner Laune wirklich, oder eben nicht, war. Nicht das er besonders grausam lebte oder dem Leben der Fischer trachtete, nein, dass war nun wirklich nicht sein Wesen! Aber er machte es, auf seine Art, dem Dorfe doch recht schwer.

Immer wieder gingen die Bürgermeister des kleinen Dorfes auf die andere Flußseite in die viel, viel größere Provinzhauptstadt und sprachen dort bei den Oberen vor, denn sie hatten doch immer wieder die eine Bitte: Man solle eine Brücke über den Fluss bauen. Nicht das dies eine besonders teure Angelegenheit gewesen wäre, nein, vielmehr schien der Fluss sich dagegen zu wehren!

Mit seiner Unbeständigkeit, seinen wilden Laufwechsel und der unbeständigen Tiefe schien er aller Pläne zu entwischen. Dem Menschen das Vorrecht einzuräumen, eine Brücke über seine Wildheit zu bauen – eine Galerie, über die Menschen mit aller Gelassenheit flanieren, mit sicherer Distanz dem Wasserspiel folgen, dem Leben dieses Flusses von sicherer Warte staunen und irgendwann den Respekt dem Fluss gegenüber verlieren: Diese Gewissheit nehmen, schien sein Ziel. Sonst würde der Fluss seinen Glanz verlieren.

Dabei meinten sowieso viele Dorfbewohner, dass dieser Fluss ein Spiel der Götter wäre: Immer wenn die Götter sich dem Spiel hingaben, zogen sie mit ihren Fingern Linien in die Wolken dem das Wasser spiegelgleich auf dem Grund der Erde folgte….

Wie dem auch sei. Und gerade zu der Zeit als ich im Dorf weilte, machten sich alle für ein Fest bereit, schmückten ihre Pferde und Wagen, zogen bunt und mit Masken bewehrt durch die Gassen und sangen dabei.

Mein Gegenüber erzählte, auf meine Nachfrage hin, die Geschichte dieses Festes:

Wieder einmal hatte eine Abordnung des Dorfes in der Provinzhauptstadt wegen einer Brücke vorgesprochen und wider erwarten, sandten die Oberen einen Landvermesser mit, um das Gelände am Fluss zu prüfen. Aber kaum waren Sie an den Fluss gelangt, zog ein dichter Nebel auf und verhüllte das ganze Ufer in stillen Schleier. Der Landvermesser wurde immer skeptischer und zögerte, aber die Dorfbewohner ahnten schon, dass der Fluss wieder einmal seine Wildheit, seinen Eigensinn demonstrieren wollte.

Sie bedrängten den Landvermesser, mit Ihnen vorwärts zu schreiten und beteuerten, dass sie doch den Weg kennen würden, dass es doch nur eine übliche Laune des Flusses sei und sie sicheren Fußes zu dem gegenseitigen Ufer kommen würden. Ob es wohl ihre Worte waren oder eine gewisse Neugierde des Landvermessers: Jedenfalls zogen Sie über die bekannte Kette der Steinbrocken über den Fluss. Aber Wochen später erschien ein kleiner Trupp mit Lanzen bewaffnet und von den Oberen ausgeschickt um den Landvermesser zu suchen.

Denn nach all dieser Zeit war von dem Landmesser nichts mehr gehört. Und so erschien der Trupp am Ufer des Flusses der sich wieder, je näher die Menschen kamen, immer mehr in eine Nebelwand hüllte, so dass sie nur zu einem Schluss kommen wollten: Auf der anderen Seite des Flusses ist kein Dorf! Damit waren sie dem Gang dieser Undurchdringlichkeit entronnen und hatten doch auch eine glaubhafte Geschichte für die Oberen. Die vorsprechenden Dorfbewohner waren in Wirklichkeit Gauner und der Landvermesser würde mit aller höchster Wahrscheinlichkeit im Fluss ertrunken sein.

Auf der Dorfseite des Flusses war allerdings niemand erschienen – weder Dorfbewohner, noch Landvermesser. Und so glaubten die Dorfbewohner seit Jahrzehnten, dass ihre Abordnung in der Provinzhauptstadt weilte, um an dem Bau der Brücke zu helfen. Damit dieses Ereignis nicht an das Vergessen verloren ging, feierte das ganze Dorf einmal im Jahr, am Jahrestag der Abordnung, ein großes Fest.

Und so lud mich mein Gegenüber ein, an dem Gang zum Fluss teilzunehmen und mit seinen schelmischen Augen, hatte er auch bald meine Zustimmung gesichert. Wir nahmen unsere Mäntel und schlossen uns den Dorfbewohnern an.

Laute Musik und wilde Kostüme, die dem Leben am Fluss entsprangen begleiteten diesen Gang. Aber mit aller Freude im Gesicht dieser Menschen, kamen wir doch nach einigem Tanzen, singen und trinken an den Fluss.

Da ich aber auch meine Reise fortsetzten wollte, verabschiedete ich mich von meinen Gegenüber und sein Gesicht nickte mir mit aufrichtigen Blick zum Abschied zu, ohne mir nicht vorher noch den Weg über den Fluss zu zeigen. Und so nahm ich meinen Weg durch den Nebel über die Kette der Steinbrocken im Lauf des Flusses zum gegenseitigen Ufer. Als ich nach einiger Zeit den festen Uferboden durch meine Schritte erfühlte, nahm ich mit neuerlicher Reiselust meine Karte zur Hand und stellte den Ort meines Seins fest.

Aber mit welcher Überraschung musste ich feststellen, dass jenes Dorf gar nicht auf der Karte erschien und auch mein Blick über den Fluss gab mir keinerlei Erkenntnisse: Die Nebelwand war hinweg gezogen, eine klare Sicht zur anderen Uferseite ließ mich aber auch niemanden erblicken und die Häuser schienen nicht mehr am Platz oder waren sie im ziehenden Nebelschleier nicht mehr zu erfassen?

Verwundert nahm ich meinen Tritt wieder auf und sah bald ein verwittertes und pfeilartiges Holzschild an einen Baum, zum Fluss zeigend, seine Zeit verbringend. Nur schwer leserlich erkannte ich folgende Buchstaben: Das vergessene Dorf.

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