Abends ging er immer noch eine Runde spazieren. Nicht das er Langeweile oder vergleichbares hatte, nein, bestimmt nicht. Er wartete nur. Er wusste genau, auf was er wartete, er kannte ihn aus frühen Erinnerungen und freute sich, auf diesen Moment.
Gern stellte er sich vor, wie er ihn in den Arm nehmen, fest drücken und dann liebevoll in die Augen sehen würde – ja, so wollte er das machen.
Er ging etwas vom Weg herab, an den Klippenrand. Hier stand er gerne und lange, hier verspürte er die Kraft, die das Meer den Menschen schenkte und die Sehnsucht, mit der die Menschen angesteckt wurden. Und hatte man die Sehnsucht doch überwunden oder war vor ihr geflüchtet kam die Wehmut – die Wehmut ist die Tochter der Sehnsucht.
Und in der Ferne hörte er wie immer die Tür seines Leuchtturms im Winde rufen, wenn sie aufgedrückt wurde und der Wind sie wieder lustlos in den Türrahmen schlug, dann wusste er, bald wird er kommen. Mit der Fähre, oder einem kleinen Ausflugsboot, wie auch immer, er wollte warten und er wäre da – nicht wie damals, als sie die Feuer ausschalten mussten, damit man den Flugzeugen keinen Hinweis auf das Land geben konnte. Damals, irgendwann vor ein paar Jahrzehnten, an die er sich erinnerte, als wäre es gestern.
Langsam bog ein Schatten auf den gekrümmten Weg zum Leuchtturm ein, schwer atmend und doch mit Freude angefüllt – gleich werde ich ihn sehen, nach so langer Zeit. Ob er mich noch erkennen mag? Ich hatte mich doch sehr verändert, wie alle in der Stadt, wie alle mit der Zeit. Aber ich werde ihn wiedersehen und ihn vor seinen Leuchtturm in den Arm nehmen können. Der Leuchtturm, der in seiner Kindheit oft nachts erlosch, wieso überhaupt? Ich werde ihn fragen, ich werde ihm erzählen, von der Flucht, und dem Zug, der mich in ein fernes Land brachte. Wie ich mit großen Augen alle diese Bahnhöfe aus dem Zugfenster sah, das Gewimmel, die Hektik und die Lautsprecherdurchsagen und den Qualm der Lokomotive – ich werde ihm erzählen, wie ich von guten Leuten versteckt worden bin, oder als deren Sohn ausgegeben wurde. Fern dem Leuchtturm – ach, Hoffnung.
Am Rand der Klippe hörte er die Kraft des Meeres gegen den Stein schlagen und wie so mancher dem Meer ein Wort entgegen schrie, so vernahm er mit Inbrunst das Echo, das feine Beben des Steins. Draußen auf der Seestraße sah er einen großen Tanker und im Hintergrund hörte er die Tür zu seinen Leuchtturm, der Wind strich durch das Gras und belebte seinen Körper. Der Körper, der damals vergebens versucht hatte, seinen Jungen zu decken, ihn zu beschützen als sie in die Dörfer kamen um die Kinder abzuholen, der Partisanen, um sie zur Aufgabe zu zwingen, zu zwingen ihre Waffen niederzulegen. Ihr oder die Kinder. Sie nahmen ihn mit – seitdem wartete er.
Ich werde einfach auf ihn zu gehen und ihm alles erzählen, von dem Zufall, wie ich erfuhr, wo meine Wiege stand, aus der Zeitung, die von einen Wärter berichtet, der immer noch wartet, der Letzte. Die Leuchtturmtür scheint nicht verschlossen, der Wind treibt sein Spiel mit ihr. Der Garten sieht nicht benutzt aus, ob das Feuer nachts noch leuchtet? Ich werde nach ihm rufen, die Treppe hinauf – es sieht bewohnt aus, aber er scheint nicht da zu sein. Die Fähre wird nicht warten.
Langsam bog er vom Klippenrand weg, wieder den Hang hinauf zum Weg und befragte sich in Gedanken seiner Schuld. Seine Schuld, wenn es denn eine war, hatte er mit diesem Leuchtturm abgegolten, den er Jahrzehnte nicht verlassen, nicht aus den Augen gelassen hatte. Immer in Rufweite der Leuchtturmtür beschloss er den Tag mit dem Gang zur Klippe, kein Festland, dass er jemals betrat, kein Boot das er nahm – immer und immer nur das warten auf diesen einen Moment des Wiedersehens.
Mit gesenktem Blick schritt er den Weg zum Leuchtturm hinab.
Der Schatten will mich zur Fähre drängen, aber wo war er? Sollte ich ihn doch nach seinen letzten Lebensabend erreicht haben? Langsam ging ich den Fährweg hinab und spürte doch den Nachruf meiner Kinderzeit, die Wehmut. Ich werde wiederkommen, ganz bestimmt, in ein paar Tagen, sobald ich auf dem Festland einiges geklärt habe, werde ich wiederkommen. Dort macht der Schatten im Weg den Bogen.
Und unter der Arbeit seiner Gedanken kam er zum Garten seines Leuchtturms und schwor sich, weiter zu warten, bis es soweit sei, und er ihn in die Arme nehmen kann. Liebe Leuchtturmtür, wie lange hast du es mit mir ausgehalten? Mit dem Untergang der Sonne, verging der letzte Schatten.
loading...
Im Prinzip gibt es zwei Dinge, die ich in dieser Geschichte versucht habe:
1. den Weg zweier Menschen (als Bogen) zum Leuchtturm – und damit den gemeinsamen Berührungspunkt – beschreiben.
2. mit wenigen Sätzen den politischen Hintergrund (Kindergeisel der Nazi als Waffe gegen Partisanen) skizzieren.
Im ersten Punkt fand ich es spannend, wie knapp Menschen auf ihren Lebenswegen einander vorbeigehen, fast in Rufweite….
Im zweiten Punkt habe ich versucht, meinen politischen Anspruch umzusetzen. In dieser Beziehung hat mich Sartre immer sehr beeindruckt: Im großen politischen Weltenrad – der kleine, einzelne Mensch mittendrin.
Letztlich ist für mich die Herausforderung, ich würde fast sagen: die Zielsetzung meiner Geschichten, aus einer trivialen Handlung, einer einfachen Geschichte, das ungreifbar Große herausblitzen zu lassen. Aber um es deutlich zu sagen: nicht den Menschen als Opfer, der von den großen Dingen überrollt wird, nein, sondern als Teil einer Situation, die er mitgestalten kann! Das Kind vom Leuchtturmwärter wurde als Geisel genommen, weil er Lichtsignale von seinen Leuchtturm an die Allierten gegeben hatte, also etwas aktiv unternommen hatte!
loading...