Niemand weiß, was mit ihm geschehen ist. Selbst die großen Geschichtsrollen geben nichts darüber her.
Morgens sah man ihn noch durch das kleine Fenster seiner Hütte an der Feuerstelle eine Mahlzeit für den Tag bereiten. Zuvor war er am Brunnen gewesen und zog unter heftigen Atem einen hölzernen Eimer mit Wasser aus der Tiefe herauf.
Hinter ihm standen einige Frauen aus den Nachbarhütten. Sie erzählten alle nur über das eine, über ihn und die Versammlung, wie eben abgestimmt wurde. Er wollte das nicht mehr hören. Zu häufig wurde es in den letzten Wochen in den Wirtshäusern besprochen und er versuchte immer, sich aus solchen Debatten herauszuhalten. Zu häufig hatte man gehört und erzählt, dass er schuldig sei. Vielleicht war er es, vielleicht auch nicht, aber was sollte es ihn berühren. Er bekam seine Münzen und die Entscheidung trafen Andere, Höhere als er.
Von seinen Händen erzählten die Leute, merkwürdige Geschichten, Wunder die er angeblich mit ihnen begangen haben soll und das er sich mit Huren und Gaunern herumtreiben würde. Leise wurden die Stimmen, einem rauschen kleiner Blätter gleich war im Dorf seine Geschichte zu vernehmen.
Der Eimer war randvoll und aus der undichten Fuge ran ein kleiner Bach. Die Kühle aus der Tiefe des Brunnens erfrischte ihn. Langsam drehte er dem Brunnen seinen Rücken zu und ging mit langen Schritt und vollen Eimer an den Menschen vorbei zu seiner Hütte.
Sie kannten ihn – Alle. Es würde ihm nichts ausmachen und es machte ihm nie etwas aus. Langsam legte er etwas Holz auf das Feuer, brach sich ein Stück Brot, welches von gestern noch im Kasten lag. Manchmal zog eine Kuh unter Zurufen einen Karren am Eingang seiner Hütte vorbei.
Unvermittelt zog sich ein Jubel wellengleich durch die Straßen, die Gassen, deren Enge wie ein Trichter den Jubel verstärkte und sturmartig verdichtete, dass man meinte, alle Segel müssten reißen! Und genauso überflutete die Stille gemächlich von hinterher wieder die Gassen und Straßen. Im Schatten spielten die Katzen.
Eine johlende Masse hatte einen Gefangenen mit seinen Soldaten durch das Dorf hinaus zum Feld getrieben. Er musste bald los: Wenn die Sonne am Höchsten sollte es geschehen.
Gewissenhaft zog er die lederne Weste an und schnallte sich den dünnen Gürtel um, der das Gewand zusammen hielt und zog im Vorplatz seiner Hütte die Sandalen an. Seine Gedanken waren weit verstreut. Er versuchte nie an das zu denken, was kommen würde, konnte. Zu denken, soweit die Stimme ruft – das war seine Einstellung. Dadurch war er ein guter Soldat geworden.
Er ging über eine staubige Gasse ebenfalls dem Feld vor der Stadt entgegen. Dort stand es schon, er sah noch lebendig aus aber leider hielt sich das Leben in solchen Fällen noch viele Tage. Seine Hände waren leer. Nein, nicht ganz. Er trug die Lanze sein ganzes Leben bei sich, so dass er immer meinte, leer, mit Lanze. Er hatte trockene Hände.
Es war immer die selbe Aufgabe, welcher er nachkommen musste. Am Abend ging er in einen Tempel und kaufte sich Schutz gegen einen möglichen bösen Gott und am nächsten Tage auf dem Felde vor der Stadt stach er dann seine Lanze in die Seite der Gekreuzigten, um den anwesenden Zuschauern zu beweisen, dass der Gerichtete doch nur wieder ein Gaukler war, aus dessen Munde göttliche Selbstüberschätzung sprach.
Gelegentlich wachte der Lanzen-Soldat in der Nacht, mit einen kurzen Schrei, verschwitzt, einfach auf. Niemand weiß, was mit ihm geschehen ist.
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