Ein Stöhnen zerriß die Mütter. Sie heulten krampfhaft in ihre Tücher. Die Sonne begab sich rot in die Dunkelheit. Morgen wollten sie wiederkommen, wenn der Abschied zerfallen war. Die Söhne trugen ihren Bündel auf dem Rücken. Es war eine lange Zeit des Abschiedes. Alle Väter, Mütter, Söhne, Schwestern, Onkel und Tanten – Sie alle wußten, daß dieser Tag irgendwann kommen würde. Die Söhne sehnten den Tag herbei und Sie beteten, dass der Vater nicht vor diesen Tag starb, denn dann würden sie in der Familie bleiben, um ihn zu ersetzen. Die Freundinnen der Söhne hatte man zum Holzsammeln geschickt. Ein Klagen war aus dem Wald zu hören.
Die Familien hatten Geld gesammelt und damit waren Sie schon Monate zuvor zum Schuster des Dorfes gegangen. Sie baten Ihn, schöne und feste Schuhe zu fertigen und heimlich wurde in das doppelte Leder ein Glücksspruch oder ein Geldschein eingenäht. Nur die Mütter wußten davon und die Väter nahmen ihre Söhne in das Gebet, erzählten von den Gefahren der Städte, von schmutzigen Frauen und Schwindlern, von dunklen Ecken in denen Menschen umgebracht würden. Sie wußten dies alles aus Briefen.
Die Briefe, die aus der Fremde eintrafen, wurden in der Familie herumgereicht. Jeder sollte sie lesen, sogar den kleinen Kindern las man sie abends nach dem Essen vor. Die Freundinnen saßen dann vor dem Haus, unter dem Fenster – die Mutter öffnete es immer vorher – und lauschten mit. Und wenn jeder aus der Familie den Brief gelesen hatte, zog sich die Mutter dieses Sohnes schwarz an und ging um Mitternacht zur Kirche.
Der Vollmond mußte strahlen! Neben dem Tor zur Kirche stand eine hölzerne Wand. Die ganz Alten des Dorfes erinnerten sich, daß schon ihre Alten von dieser Wand erzählten. Die Mutter ging mit dem Brief an diese Wand, zog aus dem Umhang einen Nagel und einen Stein hervor und schlug diesen Brief an. Nächtlich ging ein Klopfen durch das Dorf, das alle aufatmen ließ – Sie wußten, draußen in der Welt lebte noch einer von ihnen. Aber es mußte zu Vollmond sein! Die Geschichte des Dorfes erzählt, von einen Sohn im fernen Land der im Mondspiegel seine Mutter neben der Kirche stehen sah.
Manchmal kam ein Sohn vorzeitig zurück. Dies war ein schlimmer Tag für die Familie. Die Armut hatte sie gezwungen an diesem Ritual festzuhalten. Ein Bruch dieses Rituals konnte sich das Dorf nicht erlauben. Die Felder gaben nicht mehr her, die Schafe waren wenig und das Meer war fern. Nach drei Tagen versammelte sich zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten Stand, die Menschen des Dorfes vor dem Haus der Familie. Ein schweres Schweigen herrschte zwischen ihnen. Die Sonne stach. Die letzten Tränen fielen im Haus. Die Freundinnen wurden zum Wasserfall geschickt, nur eben die eine mußte dabei bleiben. Der Sohn verließ das Haus der Familie und ging mit allen in den Schatten der Kirche. Dort kniete er nieder und betete. Auf das Schlagen der Glocke erhoben alle ihren Arm und schleuderten den Stein in der Hand auf ihn bis er reglos dar lag. Dies mußte unbedingt zur Mittagszeit geschehen, damit kein Sohn in der Welt dieses Bild im spiegelnden Mond sah!
An dem Tage des Abschiedes der Söhne vom Dorf gab es natürlich ein großes Fest. Alle trugen zusammen, was die letzten Monate dafür gespart wurde. Die Tische standen dann voll mit Ziegenfleisch und Oliven, Sirup und grünen Blättern. Alle zogen sich feierlich an, lustige Melodien wurden gespielt und die Freundinnen schauten den Söhnen nochmals ausgelassen in die Augen. Die Bäume auf dem Dorfplatz spendeten freundlichen Schatten und gegen Abend, wenn die Weinkrüge leer wurden, trug man einen Holzklotz zum Dorfplatz. Die Söhne mußten sich den rechten Ärmel heraufziehen, zum Holzklotz gehen und niederknien, die Hand wurde ausgestreckt, die Finger gespreizt und mit einen großen Messer wurde ein Fingerglied abgeschnitten – dieses wurde dann in einen kleinen Tonkrug gesteckt und verschlossen. Nach dem Auszug der Söhne aus dem Dorf, würden mit einer Dorfprozession die Krüge in die Kirche getragen werden. Dort gibt es seit Alters her ein großes Holzregal, erzählen die Alten.
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