Die Feuerwache

Wie jeden Morgen nach dem aufwachen, machte er in der ansteigenden Tageswärme seinen Rundgang. Mit ruhigen Schritt und den gekreuzten Händen auf dem Rücken schaute er weit über die Hausdächer der Stadt in der Ferne dem schmalen Lauf des Flußes zu.

Die ersten Karawanen aus dem Osten klopften am Stadttor und hinterließen so manches Glitzern eines Silberstückes in den Händen der Stadtwache. Die ersten Zisternen mit den mächtigen Drehrädern meldeten mit lauten quietschen den Beginn des Tages und lockten so andere Bewohner aus dem Stroh und auf die Straße. Die Fensterläden öffneten sich mal mit leichten Schwung, lauten Knall oder zögernden Horchen, ganz dem Wesen gleich, dass die entscheidende Kraft hinein gab. In den Türrahmen der kleinen Häuser, wurden dem einen und anderen, die Lippen der Versuchung des neuen Tages zum Abschied gereicht. 

Der Turm schien durch seine bauliche Schlichtheit aufzufallen. Nicht weit von der Kirche entfernt, warf der Turm das Bild eines armen Bruders in die Runde der Stadt. Vielmehr dem Schnörkel ergeben, erschien der Turm der Kirche dem schlichten Wesen des steinernen Turmes ein kokettes Spiel geben zu wollen. Die Oberen der Stadt hatten schon sehr überlegt diese steinerne Geradlinigkeit für den Turm gewählt. Nichts sollte von seiner Funktion ablenken, niemand sollte auf irgendwelche anderen Gedanken kommen und es sollte ein Wahrzeichen der Voraussicht, der Besitznahme sein. Selbst die Oberen der Kirche mußten es doch nach einer Öffentlichen Anhörung zu lassen, dass der steinerne Turm die goldene Spitze der Kirche um ein Stockwerk überragen würde. So entstand ein Turm der mit seinen zwei Laufstegen, die sich ringgleich um den höchsten Punkt des Turmes zogen, sich ganz dem Ziel versprach, rechtzeitig die Quelle einer Feuersbrunst zu entdecken. Die alte Stadt bestand mit seinen großen Lagerhäuser und dem weiten Stadtkern mit seinen Messeplätzen überwiegend aus Holzbauten. Und nach einigen verheerenden Bränden in der Stadt, schien ein steinerner Turm den Handelsleuten der Stadt eine angemessene Maßnahme um so einer Vernichtung schon im Vorfeld Herr zu werden.

Die zwei Laufstege des Turmes umspannten jeweils zwei Turmkammern und dienten als Wohnstatt der Feuerwächter. In der Nacht ging der Eine auf dem Laufsteg immer rings um den Turm herum und zu Beginn des Morgens löste der Feuerwächter im Stockwerk darüber die Wache ab. Mit dem Blick über das große Kirchendach blieb so den beiden Feuerwächtern kein Winkel der Stadt unbeobachtet. Eine große Glocke, mit dumpfen Ton, im Dach sollte im Brandfall die Bewohner der Stadt vor großen Schaden warnen.

Und wie jedem Sommermorgen und in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen, lehnte er am Geländer und gab sich der Schönheit eines Landstrichs hin. Weit warf er seinen Blick in die Ferne, die im nach all den Jahren gar nicht mehr so Fern schien. Zwischen der Stadt und dem Fluß bedeckten braune Felder die wenige Erde. Am Fluß entlang entstanden immer mehr von diesen kleinen Fährdiensten und brachten damit immer neue Menschen in die Stadt. Und mit seinen Blick schweiften auch seine Gedanken in weite Ferne. Dem Morgenrot mag sich keiner verschließen. Und zwischen den einzelnen Rauchfahnen der Kamine hindurch sah er die schönen Berge zur anderen Seite des Turmes. Schon öfters hatte er sich zu einigen Quellen in diesen Bergen aufgemacht, sich dann ganz dem Geruch des Mooses hingegeben und dem leichten Spiel der Vögel gelauscht. Mit wackligen Schritt hatte er die wenigen Bergspitzen erklommen und von noch weiteren Fernen geträumt, dessen er sich doch so gerne genähert hätte. Und wieder brach diese Wehmut hervor, die ihn so manches mal schon hinwegbringen wollte und deren sanfte Gewalt er sich so gerne hingab. Dem kleinen Schwarm an Vögel vermochte er fast hinterher zu winken, ihren Flug in das Morgenrot, dass jetzt die Stadt in diesen zärtlichen Glanz erschienen ließ.

Und mit einem Male gewahr er dem Feuer auf dem Dach des Kirchturms, dass in seiner tiefen roten Pracht, schon fast unnatürlich aussah. Fast schien es einem himmlischen Versprechen gleich, dem letzten Zugang zum Paradies. Und in diesem Moment schien ein Reflex in seiner Kehle mit aller Inbrunst „Feuer!“ schreien und die Hand auf seinen Rücken die Schnur der Feuerglocke finden zu wollen. Fest stampfte er mit den Füßen auf den hölzernen Laufsteg auf, um den Wächter in der Kammer unter Ihm hervorzulocken, im festen Glauben dem Feuersturm rechtzeitig die Gewalt nehmen zu können. Und mit dem stampfen seiner Füße wurde ihm auch bewußt, wie falsch er lag: die Morgensonne zerbrach ihr Licht am goldenen Dach des Kirchturms.

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